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Entwurf: Menschen stehen in einem NSU-Mahnmal, die Namen der Opfer werden als Schatten auf den Boden geworfen.

NSU-Mahnmal: Erinnerungsort für die Opfer des NSU am Thüringer Landtag

Interdisziplinärer Wettbewerb für Künstler*innen und Landschaftsarchitekt*innen

Gestaltung einer Stätte der Erinnerung und Mahnung für die Opfer des Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in Erfurt

Zwischen 1999 und 2007 ermordete die rechtsextremistische Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ aus rassistischen Motiven zehn Menschen und verübte drei Sprengstoffanschläge mit zahlreichen Verletzten. Die Täter – Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt – stammten aus Jena, wo sie sich Anfang der 1990er Jahre der erstarkenden Neonazi-Szene anschlossen. Aufgrund fehlerhafter und wenig konsequenter Ermittlungsarbeit der Sicherheitsbehörden in Thüringen konnten die drei Rechtsextremen Ende des Jahrzehnts untertauchen. In der Illegalität gründeten sie schließlich den „NSU“, wobei Gleichgesinnte das Trio in den folgenden Jahren auf vielfältige Weise unterstützten. 

Nach der Enttarnung der Terrorzelle im November 2011 setzte sich der Thüringer Landtag in zwei Untersuchungsausschüssen mit der Rolle des Freistaats bei dem NSU-Komplex intensiv auseinander. Mit Blick auf die Herkunft der Täter und die schwerwiegenden Versäumnisse der eigenen Sicherheitsbehörden empfahl der Untersuchungsausschuss 5/1 die Errichtung eines Erinnerungsortes für die Opfer des NSU. Auf Grundlage dieser Empfehlung bat der Landtag in seinem Landtagsbeschluss 6/4577 vom 29. September 2017 die Landesregierung  eine solche Stätte zu errichten.   

Der Erinnerungsort soll in unmittelbarer Nähe zum Landtag auf dem Beethovenplatz in Erfurt entstehen. Für dessen Ausgestaltung und Umsetzung wurde  von der Thüringer Staatskanzlei im Mai 2022 ein Wettbewerb ausgelobt. 

  • Eckpunkte des Wettbewerbs

    • Ziel ist eine landschaftsarchitektonische und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Aufgabe besteht in der entsprechenden gestalterischen Formulierung eines Objektes, räumlichen Zäsur und/ oder Installation im Sinne einer modernen Mahnmal- und Erinnerungskultur im öffentlichen Raum.
    • Gewünscht sind künstlerische Projekte und Installationen, die durch eine dem Thema angemessene ästhetische Anmutung und Positionierung den Stadtraum bereichern und ein würdiges Gedenken an die Opfer der beispiellosen Mord- und Anschlagsserie ermöglichen. Zudem soll der Erinnerungsort eine öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland anregen.
    • Die Entwürfe sollen die zentralen Gestaltungsprinzipien des denkmalgeschützten Beethovenplatzes berücksichtigen. Zu diesen gehören insbesondere die weite, innenliegende Wiesenfläche und die rahmenden Gehölzbepflanzungen.
    • Das Kunstwerk soll einen dauerhaften Charakter erhalten und einen geringen Pflege- und Wartungsaufwand sowie möglichst wenige Eingriffe in den Baugrund erfordern. Die öffentliche Nutzung des Parks soll nicht beeinträchtigt werden.
    • Für die Gestaltung des Erinnerungsorts stehen insgesamt 200.000 Euro (netto) zur Verfügung.
    • Das Wettbewerbsverfahren orientiert sich an den  Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) und wird bis zum Abschluss anonym durchgeführt.

Wettbewerb

Ausloberin

Der Freistaat Thüringen vertreten durch:

THÜRINGER STAATSKANZLEI | STATE CHANCELLERY OF THURINGIA Referat 45 |
Gedenkstätten; Erinnerungskultur; Landeskunde; Literatur; Bibliotheken
Regierungsstraße 73 | 99084 Erfurt | Postfach 900253 | 99105 Erfurt | GermanyTel: +49 (361)57-3214108 | Fax: +49 (361) 57-321400

Wettbewerbsauslobung und-durchführung

Fiebig Schönwälder ZimmerArchitektur + Stadtplanung | Bülowstraße 66 | 10783 Berlin

Preisgericht

Das Preisgericht hat am 14. Oktober 2022 unter Vorsitz von Frau Leonie Baumann in Erfurt getagt. 

Fachpreisrichter/innen

  • Leonie Baumann, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds Berlin
  • Thorsten Goldberg, Künstler, Berlin
  • Prof. Ana Viader-Soler, Landschaftsarchitektin, Dresden
  • Dr. Angelika Steinmetz-Oppelland, Kunstwissenschaftlerin, Jena
  • Prof. Dr. Sigrun Langner, Landschaftsarchitektin, Weimar
  • Dr. Sascha Döll, Leitung Garten-und Friedhofsamt, Erfurt
  • Dr. Eva Lemsch, Stadt Erfurt

Sachpreisrichter/innen

  • Tina Beer, Staatssekretärin für Kultur, Thüringer Staatskanzlei, Erfurt
  • PD Dr. Annegret Schüle, Leiterin Erinnerungsort Topf & Söhne, Erfurt
  • Prof. Dr.-Ing. Reinhold Zemke, Dekan der Fakultät Architektur und Stadtplanung, FH Erfurt
  • Seda Basay-Yildiz, Rechtsanwältin, Frankfurt/ Main
  • Frank Niebur, stellvertretender Direktor des Thüringer Landtag, Erfurt
  • Dr. Philipp Neumann-Thein, stellvertretender Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Sachverständige

  • Dr. Martin Baumann, Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Erfurt
  • Prof. Barbara John, Ombudsfrau für die Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe NSU, Berlin
  • Taha Kahya, Mitarbeiter Ombudsfrau, Berlin
  • Michaela Hirche, Verband bildender Künstler Thüringen, Erfurt

Kunstwerke und Auszeichnungen

Entwurf: Menschen stehen in einem NSU-Mahnmal, die Namen der Opfer werden als Schatten auf den Boden geworfen.
Entwurf: Mann sitzt in einem NSU-Mahnmal, die Namen der Opfer werden als Schatten auf den Boden geworfen.

Arbeit 1060 – Verfasser – 1. Preis

 

SCHATTENWURF

Kunst: Dagmar Korintenberg + Wolf Kipper, Stuttgart  

Landschaftsplanung: realgrün, München 

 

 

 

 

Bildnachweis: © Dagmar Korintenberg + Wolf Kipper, Stuttgart

Informationen zum Kunstwerk

  • Das Thema des Verfahrens der Gestaltung einer Stätte der Erinnerung und Mahnung für die Opferdes Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Erfurt wurde überzeugend umgesetzt. Durch die gewählte Gestaltung des Erinnerungsortes wird der Schatten aufgenommen, der durch die NSU-Morde auf vielen Bereichen der Gesellschaft liegt. 

    Aus zehn Stahlelementen sind die Namen der Mordopfer des NSU herausgelasert, sodass durch die Namen das Sonnenlicht scheint und sie so zu Schattenschablonen werden. Je nach Wetterlage und Sonnenstand werden die Namen am Boden abgebildet. Die durch das Licht entstehenden Namen fallen aber auch auf die sich im Erinnerungsort aufhaltenden Besucher:innen. Andere Streifen sind nicht mit Namen versehen, diese werfen weitere Schatten, welche für die Opfer der rassistischen Gewalttaten des NSU stehen, die schwer verletzt und traumatisiert wurden. In der technischen Umsetzung stellt sich die Frage nach der „richtigen“ Schablonen–Schrift, die einen optimalen Schattenwurf erzeugt.   

    In der Arbeit 1060 finden sich Informationstexte zu den terroristischen Anschlägen des NSU zwischen 1999 und 2007 auf den 15 cm breiten Innenflächen der Torbögen. Zusätzlich soll ein QR-Code, der sich ebenfalls auf den Gedenkstützen für die Anschlagsopfer befindet, auf eine Webseite weiterleiten. Hier sollen Audio-Elemente und weitere Informationen bereitgestellt werden. Zur Bereitstellung und Abstimmung der Inhalte (Text und Audio), um auch die Thematik des „Staatsversagens“ besser in die ausgezeichnete Arbeit zu integrieren, empfiehlt das Preisgericht einen Abstimmungsprozess unter der Federführung des Auslobers. 

  • Sechs Torbögen aus pulverbeschichtetem Vierkant-Stahl tragen eine Ansammlung von Stahlstreifen. Aus zehn dieser Elemente sind die Namen der Mordopfer des NSU herausgelasert, sodass durch die Namen das Sonnenlicht scheint und sie so zu Schattenschablonen werden. Je nach Wetterlage und Sonnenstand werden die Namen am Boden abgebildet – fallen aber auch auf die im Erinnerungsort stehenden Besucher*innen. Andere Streifen sind nicht mit Namen versehen, diese werfen weitere Schatten, welche für die Opfer der rassistischen Gewalttaten des NSU stehen, die schwer verletzt und traumatisiert wurden.
     

    INFORMATIONEN UND AUDIO-ELEMENTE

    Informationstexte zu den terroristischen Anschlägen des NSU zwischen 1999 und 2007 finden sich auf den 15 cm breiten Innenflächen der Torbögen.

    Ein QR-Code befindet sich ebenfalls auf den Gedenkstützen für die Anschlagsopfer, welcher auf eine Microsite weiterleitet. Hier werden Audio-Elemente und weitere Informationen bereitgestellt. Diese können von den Besucher:innen mit ihren Smartphones abgerufen und über Kopfhörer oder den im Telefon integrierten Lautsprecher angehört werden.

    In den Audioaufnahmen möchten wir Angehörige einladen, Erinnerungen zu den Mordopfern der Terroranschläge zu teilen – Aussagen, die den Mensch in den Vordergrund stellen.

    Angehörige, die bereit sind, auf diese Weise zur Gestaltung des Erinnerungsortes und zum Gedenken an die geliebte Person selbst beizutragen. 

    Wünschen die Angehörigen keinen Sprachbeitrag wird eine Tonspur mit Umgebungsgeräuschen am Anschlagsort erstellt. Die Aufnahmen sollen im alltäglichen Lebensumfeld oder an den Anschlagsorten aufgenommen werden. Hintergrundgeräusche nehmen die Hörer:innen so auf der Audiospur mit – es entsteht eine akustische Brücke zwischen dem Erinnerungsort und den jeweiligen Anschlagsorten.
     

    LAGE UND POSITIONIERUNG

    Als städtebaulicher und gestalterischer Auftakt einer „Repräsentationsachse“ ist der Beethovenplatz geprägt durch die aus der Grundkonzeption erhaltene Geometrie und Axialität der in den 1920er Jahren gestalteten Ursprungsanlage. Der Erinnerungsort nimmt diese Achse auf und positioniert sich im Vorbereich der Treppenanlage. Das Mahnmal fügt sich in das Ensemble und wird als Teil der Grünanlage wahrgenommen. Durch seine luftige Konstruktion aus filigranen Torbögen und den verbindenden Streifen wird ein dreidimensionaler, allseits offener Ort definiert, der aus allen Richtungen barrierefrei durchgangen werden kann. Die bestehenden Wege- und Sichtachsen und die öffentliche Nutzung der Parkanlage werden nicht beeinträchtigt. Zur Integration des Erinnerungsortes in die Parkanlage trägt auch die reduzierte Material- und Formensprache bei, die wassergebundene Decke wird beibehalten und die Punktfundamente minimieren die Eingriffe in den Baugrund.
     

    KONSTRUKTION, MATERIALIEN, DIMENSIONIERUNG, OBERFLÄCHEN 

    Die Stützen der aus Torbögen (Rahmen) aufgebauten Stahlkonstruktion werden in Punktfundamente einbetoniert. Durch diese eingespannte Konstruktionsweise kann auf Windverbände im sichtbaren Bereich des Mahnmals verzichtet werden. Die horizontalen Streifen werden mit den Torbögen verschraubt.

Ein Holzkubus steht auf einem Platz

Arbeit 1061 – Verfasser – Anerkennung

 

HÜLLE

Kunst: RAUMSTATION, Hoheisel & Knitz, Berg  

Landschaftsplanung: NETZWERK stadt-land-see, Lindau 

 

 

 

 

Bildnachweis: © RAUMSTATION, Hoheisel & Knitz, Berg

 

  • Dieser Entwurf will ein Denkmal setzen, das ausschließlich den Opfern der NSU-Morde und ihren Familien gewidmet ist. Es soll ihnen aber nicht nur gewidmet werden, sondern die Angehörigen, Freunde und Freundinnen der Opfer gestalten auch den Inhalt des Denkmals. Die Verfasser dieses Entwurfs bauen nur die „Hülle“ für diesen aus dem Kreis der Opfer prozesshaft entwickelten Inhalt.  

    Die „Hülle“ ist ein vier mal vier mal drei Meter großer Kubus, verkleidet mit thüringischem Travertin. Es ist das gleiche Material, mit dem der Landtag verkleidet ist. Diese Verbindung ist bewusst gewählt. Der Ort dieses Denkmal-Monoliths ist nicht im Park versteckt, sondern ist erkennbar dem öffentlichen Raum zugeordnet: den Sportstätten und der Johannes-Sebastian-Bach-Straße. Von weitem wirkt dieser Kubus wie ein verschlossener großer Gedenkstein. Doch kommt man näher heran, sieht man, dass dieser massiv wirkende Monolith unregelmäßig aufgebrochen ist. Er zeigt zehn über die vier Seiten verteilten fensterartige Nischen. In jeder dieser Nischen ist ein Monitor eingelassen. Es waren zehn Morde. Jede Nische ist einem Opfer gewidmet. Doch was auf den einzelnen Monitoren zu sehen sein wird, bestimmen jeweils die Angehörigen der Opfer. Sie allein gestalten die Inhalte. 

    Jede Einflussnahme von Staat, Behörden, Verwaltungen, Politiker:Innen und anderen Personen des öffentlichen Lebens wird ausgeschlossen. Zugang zu der Gestaltung der Inhalte haben nur die Familien und Freunde und Freundinnen der Opfer. Eine Zensur findet nicht statt. 

    Die technische Bespielung geschieht analog zu einer neu zu generierenden Website, die per Content-Management redaktionell aktualisiert werden soll. Auf dieser Website soll es in Absprache mit der noch zu generierenden Redaktion auch mehrsprachige Beiträge (Video, Audio, Text) geben. 

Entwurf: Frau schaut auf Mahnmal, das zwischen 4 Säulen steht
Entwurf: Das Mahnmal zwischen den 4 Säulen
Beschriftung des Mahnmals

Arbeit 1062 – Verfasser – Anerkennung

 

MENSCHENWÜRDE

Kunst: Susanne Besser, Erfurt  

Landschaftsplanung: Andrea Ziegenrücker, Erfurt 

 

 

 

 

Bildnachweis: © Susanne Besser, Erfurt

  • Dass der Gedenkort für die Opfer des NSU in unmittelbarer Nähe zum Thüringer Landtag entsteht, im Park, unmittelbar am Landtag, sehen wir als Chance: Nämlich dafür, dass bei allen Entscheidungen der MENSCH im Mittelpunkt steht, dass DEMOKRATIE und MENSCHENWÜRDE im Fokus von Politikerinnen und Politikern bleiben, Fehlentscheidungen vermieden werden und die Verbindung zur Bevölkerung gehalten wird. Dafür steht unser Beitrag. Zugleich nimmt er auch Bezug auf ein jedes der 13 Opfer und ihre Hinterbliebenen. 

    In Ergänzung zur ursprünglichen Aufgabenstellung bezieht unser Beitrag den gesamten Park ein, ohne ihn zu überfrachten. Es soll sich ganz bewusst nicht nur auf die vorgegebene Fläche mit „Alibifunktion“ beziehen. Unser Blick sollte sich weiten und schärfen können, denn -- alles hängt mit allem zusammen. 

    Es entsteht ein multicodierter Ort, ohne seine Funktion als Park und seine Denkmalwürdigkeit einzubüßen. 

    Bereits vom höher gelegenen Entree zum Park wird zwischen drei Paaren von Aufmerksamkeit erregenden Elementen hindurch -- bis an das Parkende – fokussiert, in Anlehnung an ein Fadenkreuz, an Kimme und Korn, aber statt zu töten, die MENSCHENWÜRDE in den Blick zu nehmen, im Blick zu behalten. Das funktioniert auch aus anderen Richtungen, wie wir Menschen verschiedene Blickwinkel haben, denn ein jeder ist mitzunehmen! Der wichtigste symbolische Bezug wird zum Gebäude des Thüringer Landtages hergestellt: Genau in den Schnittpunkt seiner Mittelachse mit der Längsachse des Parks wird ein transparenter Kubus, die MENSCHENWÜRDE symbolisierend, mit seinen 4 Fokus-Elementen platziert. Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist in viele Weltsprachen übersetzt, für alle Menschen lesbar, auf dem Kubus aufgebracht. Wenn auch der Blick nicht direkt aus dem Gebäudeinneren in den Park möglich ist, wenn sich auch Baumkronen dazwischendrängen, so ist doch der Bezug auf menschlicher Ebene möglich. TRANSPARENZ, sowohl bei Tag und bei Nacht, ist ein weiteres Schlüsselwort unseres Beitrages, bezogen auf das Handeln unserer politisch Verantwortlichen. Über einen QR-Code auf dem Objekt können vertiefende Informationen über die Thematik abgerufen werden. Der kristalline Körper ist transluzent und auch nachts leicht erleuchtet gehalten. Das verwendete reflektierende Material im Mittelpunkt ist ebenfalls wichtig – es steht für Selbstreflexion: Welche Rolle spiele ich? Was hat das mit mir zu tun? Könnte nicht jeder Täter oder Opfer sein? Wie wollen wir in Zukunft weiterleben, was unseren Kindern mitgeben?  

    Neben dieser übergeordneten Symbolik bedarf es einer Verneigung vor den konkreten 13 Opfern - mit Respekt, vielleicht auch einer Geste der Entschuldigung. Die kollektive Bereitschaft dafür besteht. Die Fratze der Gewalt ist nichts gegen die Mehrheit von Menschen, deren Wertmaßstäbe von thüringischen Dichtern und Denkern aus verschiedensten Epochen geprägt wurden, allen voran - den Humanisten. Ihre Werke stehen bis heute wegweisend für eine bessere und menschliche Gesellschaft, wie auch die von denen mit geringerem Bekanntheitsgrad. 

    Für jedes der Opfer wird ein individueller Gedenkort geschaffen, der sich unauffällig in den Park einfügt, gerade dadurch aber Trauerarbeit zulässt, ohne Zur-Schau-Stellung: 

    Für jeden gestorbenen Menschen wird ein Baum gepflanzt; in der Art so unterschiedlich, wie menschliche Individuen eben sind, also 13 Arten von Laubbäumen. Allen gemeinsam ist jedoch, dass es sich um sogenannte Zukunftsbäume handelt, d. h. an den Klimawandel angepasste Bäume, die gut im Stadtgebiet von Erfurt wachsen, aber auch sinnbildhaft für das Weiterleben und die Zukunft stehen. 

    Jeder Baumstandort wird mit einer Sitzbank zum Verweilen kombiniert. Außerdem wird dem Baum in der Rasenfläche jeweils eine bodengleiche Steinplatte aus thüringischem Muschelkalk zugeordnet. Auch wenn dies an eine Grabplatte erinnern könnte, so wird die Steinplatte mit dem eingravierten Spruch eines heimischen Denkers sowie einem Code versehen, der die Zuordnung zu einer konkreten Person ermöglicht. 

Entwurf eines Turms aus einzelnen Holzscheiten auf dem Platz vor dem Landtag
Entwurf eines Turms aus einzelnen Holzscheiten

Arbeit 1063 – Verfasser – Anerkennung

 

FRAGILE

Kunst: Michal Schmidt, Erfurt   

Landschaftsplanung: arc.grün, Kitzingen

 

 

 

 

Bildnachweis: © Michal Schmidt, Erfurt 

  • FRAGILE - Konzipierung eines Mahnmals zum Gedenken der 10 Opfer des Terrornetzwerkes NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt in direktem räumlichen wie inhaltlichen Bezug zum Thüringer Landtag

    Die Errichtung eines modernen Mahnmales für die Opfer des Terrornetzwerkes NSU in unmittelbarer Nähe des Thüringer Landtags soll nicht nur dem Gedenken an die unschuldig aus dem Leben Gerissenen Raum geben, sondern die Notwendigkeit kritischer Auseinandersetzung mit dem institutionellen Umgang im Hinblick auf menschen- und demokratieverachtendes Gedankengut und daraus resultierenden Taten rechtsextremen Terrors anregen. Doch geht es nicht weniger um individuelle Verantwortung für eine funktionierende, offene Gesellschaft. Die historische Parkanlage des Beethovenplatzes vis-à-vis zum Ort politischer Entscheidungen ist in mehreren Hinsichten für die verschiedenen Ansprüche an eine zeitgenössische Mahnmalarchitektur prädestiniert. Die Bewohner des Quartiers nutzen die historische Parkanlage genauso zur Entspannung und Freizeit wie die Politiker und Landtagsangestellten zur Pausengestaltung. Das Grün der Bäume, Rasenstücke, Blumen, Wiesen und eine überschaubare Weite laden zum Müßiggang und Ruhefinden ein. Das vorliegende Konzept eines Mahnmales am Beethovenplatz soll sich diese Aspekte zu Nutze machen, soll anregend sein, aber auch ein Inne kehren ermöglichen und mit seiner Aufenthaltsqualität zum Verweilen einladen. Der Ort kann den Besuchern des Parks Treffpunkt sein, sie nachdenklich stimmen oder zum Diskurs anregen. Dabei wird die historische Wegeführung mit seinen Hauptachsen nicht verändert, sondern lediglich durch eine das Mahnmal rahmende, keilförmige Wegfläche erweitert. Auch der alte und jüngere Baumbestand bleibt unberührt. Nur das Buschwerk im oberen Teil des Beethovenplatzes auf der Grünfläche zu Seiten des Landtages wird weichen, um dem Erinnerungsort mehr Raum zu geben und ihn besser sichtbar zu gestalten.
     

    Das Konzept FRAGILE sieht die Errichtung eines Turmes im Sinne des allseits bekannten JENGA Spiels vor. Der komplette, unversehrte Turm würde das Idealbild einer stabilen, pluralistischen, freien Gesellschaft bedeuten. Dieses Ideal zeigt sich aber durch demokratiefeindliche, Gemeinschaft zersetzende und Angst schürende Eingriffe gestört und geschwächt. Aus dem Turm sind 10 Riegel entnommen, das Bauwerk steht noch, läuft aber Gefahr, durch weitere Destabilisierung einzustürzen. Im Gegensatz zum konventionellen Spielverlauf, wo die entnommenen Steine wieder oben aufgesetzt werden, sind die 10 Riegel im Konzept FRAGILE für das Konstrukt, das Leben und Engagement der Toten für die Gesellschaft, unwiederbringlich verloren. Diese liegen scheinbar wahllos verstreut neben dem Bauwerk und zeigen jeweils einen Namen der zehn Mordopfer des Terrornetzwerkes NSU.

Entwurf eines Mahnmals bestehend aus aufgestellten Metallplatten

Arbeit 1064 – Verfasser – Anerkennung

 

ZEIT ZUM GEDENKEN

Kunst: Christian Sachs, Masserberg   

Landschaftsplanung: PGS+P Steiner + Palme GmbH, Suhl

 

 

 

 

Bildnachweis: © Christian Sachs, Masserberg  

  • Ausdruck der selbstkritischen Aufarbeitung und Auseinandersetzung ist die Errichtung einer Stätte der Erinnerung und Mahnung gegenüber des Thüringer Landtages auf dem Beethovenplatz. Mit dieser Wahl des Ortes wird zudem die Bedeutung des Thüringer Landtages als Zentrum der Demokratie in Thüringen bekräftigt. Der Ort erinnert uns daran, dass die Rechtsterroristen aus unserer Gesellschaft kamen und es deshalb eine Aufgabe der Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen ist, für die Achtung der Menschenwürde einzustehen.

    Er weist darauf hin, dass auch in einer demokratisch verfassten Gesellschaft die Menschenrechte durch Rassismus und Rechtsextremismus bedroht werden und unterstreicht die staatliche Verantwortung, die im Artikel 1 des Grundgesetzes festgehalten ist: “DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

    Mit den Untersuchungsausschüssen zum NSU hat der Thüringer Landtag einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung des behördlichen Versagens geleistet.
     

    ZEIT ZUM GEDENKEN

    Das Mahnmal knüpft an diese Arbeit an und bezieht noch stärker die Bürgerinnen und Bürger ein. Der Erinnerungsort ermöglicht es, dass das Gedenken an die Opfer des NSU sowie die Auseinandersetzung mit den Taten und dem behördlichen Versagen zu einer wichtigen Facette der Bildungs- und Vermittlungsarbeit des Thüringer Landtags werden kann, etwa durch Führungen, Schülerprojekte und Veranstaltungen.

    Der Wettbewerbsbeitrag sieht eine zentral im Park platzierte Stele mit dem Titel „ZEIT ZUM GEDENKEN“ vor. Die Stele ist mit einer Inschrift ihres Titels versehen und durch zwei Risse dreigeteilt.

    Der erste Riss symbolisiert den Schock darüber, dass Rassismus und Rechtsextremismus auch nach den Lehren des "Dritten Reiches" jederzeit und überall in unseren demokratischen Gesellschaften heute wieder möglich sind.

    Der zweite Riss steht für die gefühlte Hilflosigkeit, das Entsetzen, vielleicht auch die Aussichtslosigkeit an der Fehlerquelle Mensch irgendetwas ändern zu können, damit sich unsere Geschichte eben doch nicht wiederholt.

    Das Wort Zeit ist hier in seiner Ambiguität in der Kunst zu verstehen. Es ist immer an der Zeit zum Gedenken über das eigene Tun und Sein, aber natürlich auch an das Gedenken der Mitmenschen und deren Schicksalsschläge. Wann nehmen wir uns wieder einmal diese Zeit, in einer Zeit, wo stets alles andere viel wichtiger erscheint, als die so wichtige "ZEIT ZUM GEDENKEN"?

    Gedenken, aber auch selber denken, stehen hier untrennbar in Kausalität. Somit ist der Leitsatz "ZEIT ZUM GEDENKEN" Philosophie und damit die erwünschte Diskussionsgrundlage um das Thema immer wieder neu wahrzunehmen.

Entwurf von glatten, großen Steinen auf der Erde
Entwurf eines Kunstwerks: Große, glatte Steine auf dem Boden eines Parks
Entwurf eines Kunstwerks: Große, glatte Steine auf dem Boden

Arbeit 1065 – Verfasser – Anerkennung

 

WEGESEHEN, WEGGEHÖRT, GESCHWIEGEN UND NICHT GEHANDELT

Kunst: Artist Collective SCHAUM   

Landschaftsplanung: Johannes Evert, Rostock

 

 

 

Bildnachweis: © Artist Collective SCHAUM 

  • Annäherung 

    Der Besucher nähert sich von der Johann-Sebastian-Bach-Straße der Treppenanlage des Beethovenplatzes. Von diesem leicht erhöhten Standpunkt, fällt das Auge des Besuchers auf vier gleichgroße, vermeintlich zufällig auf dem Parterre verteilte Metallkugeln, die ähnlich einem Boule-Spiel auf der Sandfläche verteilt sind und sich mit unterschiedlicher Kraft in den sandigen Untergrund eingegraben haben. Die Größe der vier Kugeln ist dabei je nach Einschlagstiefe unterschiedlich groß wahrnehmbar. Eine der Metallkugeln ragt nahezu vollständig aus dem sandigen Untergrund, dort ist die volle Größe von 180cm Durchmesser sichtbar.
     

    Von diesem erhöhten Standpunkt aus, ist bereits eine Einbettung der Kugeln in eine definierte kreisähnliche oder ellipsoide Grünfläche erkennbar. 

    Mit dem Herabsteigen des Besuchers auf das Niveau des Parterres wird die eigentliche Größe und Präsenz der Kugeln erfahrbar. Es wird sichtbar, dass das Terrain, das die Kugel umrandet, stark aufgeworfen ist. Es lässt überzeichnet Krater, Dellen und Abschürfungen erkennen, die sich unter der saftig grünen Rasenfläche wie Einschläge abzeichnen. Die Form, der mit einer Einfassung aus Bandstahl definierten Grünfläche um die einzelnen Metallkugeln, zeichnet den jeweiligen "Einschlagwinkel" der Kugeln nach. Die Metallkugeln nehmen auf diese Weise unregelmäßig den gesamten Raum zwischen der Treppenanlage und der angrenzenden Grünfläche des Parks ein.

    Der Betrachter und Nutzer des Parks kann die vorgesehenen Laufwege weiter beschreiten, dennoch muss er einzelnen Metallkugeln ein wenig ausweichen, da sich die Kugeln leicht in die Laufwege schieben.
     

    Tritt der Betrachter nah an die Kugeln heran, bemerkt er auf jeder Kugel einen anderen in die Oberfläche eingefrästen Begriff. Die vier Kugeln zusammen ergeben den Ausspruch: "weggesehen, weggehört, geschwiegen und nicht gehandelt".

    Der Auspruch stammt ursprünglich aus dem Mittelalter. Als "Höre, sieh und schweige, wenn Du in Frieden leben willst" (siehe Gesta Romanorum "audi, vide, tace, si vis vivere in pace"), hat er in der westlichen Welt über die Jahrhunderte eine Deutungsänderung in das negativ konnotierte Gegenteil erfahren und steht nun synonym für Ignoranz und mangelnde Zivilcourage – siehe auch das Sprichwort von den drei Affen.

    Der Besucher bewegt sich zunächst nur in einem "Feld" gigantischer Metallkugeln. Mit dem Abschreiten der einzelnen Kugeln und dem Lesen der Begriffe wird die Metaebene erfahrbar. Sucht der Betrachter nach einer sinnstiftenden Information, so kann er auf der angrenzenden Sockelfläche zwischen den beiden Treppenläufen eine dunkel patinierte Bronzetafel mit der Inschrift finden:

    Jeder Angriff auf einen Menschen ist auch ein Angriff auf die Freiheitliche Demokratische Grundordnung.

    Zur Mahnung an den Terror des Nationalsozialistischen Untergrundes NSU von 2000-2007

Entwurf eines Kunstwerks: Zwei Frauen stehen vor einem Steinquader mit Aufschrift
Entwurf eines Kunstwerks: Mädchen steht vor einem Steinquader mit Aufschrift

Arbeit 1066 – Verfasser – Anerkennung

 

 

Kunst: Braun Engels Gestaltung GmbH, Ulm   

Landschaftsplanung: NUWELA, Unterhaching

 

 

 

 

Bildnachweis: © Braun Engels Gestaltung GmbH, Ulm  

  • Die erste Annäherung an die Erinnerungsstätte zeigt einen monolithischen, längsgestreckten Block aus hellem, gestocktem Beton. Der Block wächst ohne sichtbaren Sockel aus dem Boden heraus. Die eingearbeitete Schrift aus poliertem, bronzefarbig abgetöntem Edelstahl gedenkt der Opfer und ist gleichzeitig Appell gegen Rassismus und für Vielfalt und Toleranz. Die Namen der Opfer, die Orte der Verbrechen und das Datum der Taten sind – entlang der Chronologie der Taten – frei angeordnet. Form und Platzierung des Mahnmals fügen sich in das Gesamtbild des Platzes ein, zeigen aber gleichzeitig Präsenz.

    Der Entwurf wirkt damit auf den ersten Blick zurückhaltend und dem Gedenken angemessen. Erst der zweite Blick auf das Mahnmal offenbart eine weitere, inhaltlich gleichwohl genauso relevante Ebene: Die Oberseite besteht aus gewalztem Stahl und öffnet sich über die gesamte Länge hin nach unten, in das Innere des Betonblocks hinein. Die Öffnung ist trichterförmig und weckt die Assoziation an einen überdimensionalen Aktenvernichter.

    Die den Betrachter:innen zugewandte Fläche enthält Texte und Aussagen zum Versagen der Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung, des Verfassungsschutzes, seinem fragwürdigen Umgang mit V-Leuten, zu Vertuschung und Vernichtung von Unterlagen sowie vielen bis heute ungeklärtes Fragen. Der Text verliert sich in der Tiefe des Blocks und entzieht sich nach und nach der Lesbarkeit.

    Ein Denkmal zu den NSU-Morden in Erfurt, in Sichtweite zum Thüringer Landtag, wäre ohne einen klaren Verweis auf die Versäumnisse bei der Aufklärung und Strafverfolgung unvollständig. Erst die Verknüpfung zu diesen Aspekten macht ein Denkmal an diesem Ort sinnvoll.

    Zwischen dem Mahnmal und der Inschrift des Thüringer Landtags auf dem gegenüber liegendem Mauervorsprung wird eine Blickverbindung geschaffen.

Entwurf eines Kunstwerks: Große Blütenblätter auf einer Wiese

Arbeit 1067 – Verfasser – Anerkennung

 

BLÜTENBLÄTTER

Kunst: Maria Vill + David Mannstein   

Landschaftsplanung: Böhler & Naumann, Rangsdorf

 

 

 

 

Bildnachweis: © Maria Vill + David Mannstein

  • Auf zehn von Rosenblütenblättern inspirierten Stahlskulpturen sind jeweils der Name, Geburts- und Todesjahr eingraviert.

    Sofern es die Angehörigen wünschen, kann auch ein von diesem formulierten Wunsch, ein Dank oder eine persönliche Erinnerung an den Verstorbenen oder die Verstorbene eingraviert sein.

    Die Blütenblätter werden locker im zur Verfügung stehenden Bereich platziert. Ebenso werden zehn ca. 2 m hohe, unterschiedliche Rosensträucher in diesem Bereich gepflanzt. Auf einer schlichten Informationstafel gibt es einen Text mit Informationen zu den NSU-Anschlägen. Dieser Text wird zusammen mit Angehörigen, mit dem Auftraggeber und mit Menschen, die mit der Aufarbeitung der NSU-Morde befasst waren/sind, erstellt.

    Die Rose ist ein Symbol, das sowohl im Islam als auch im Christentum von Bedeutung ist. Auch außerhalb der Religion ist sie mit Vollkommenheit konnotiert.

    Sie gilt als Manifestation des göttlichen Glanzes und der Vollkommenheit.

    In der Sprache wird diese Verbindung deutlich durch die Ähnlichkeit der Wörter gul (pers.) bzw. gül (türk.) – Rose und kull (arab.) – das Ganze.

    In vielen Kulturen gilt die Rose als Sprache der Liebenden – über Rosen kommunizieren wir über Worte hinaus mit denen, die wir lieben, teilen ihnen unsere Liebe mit.

Entwurf eines Kunstwerks, stilistische Zeichnung von oben

Arbeit 1068 – Verfasser – Anerkennung

 

HAUCH & ECHO

Kunst: Martin Fink, Erfurt   

Landschaftsplanung: Aischa Vogel, Erfurt

 

 

 

 

Bildnachweis: © Martin Fink, Erfurt

  • „Hauch & Echo“ 

    Menschen gehen in den Park, sie suchen Ruhe, treffen Freunde und entschleunigen. Ein Streifen aus dunklem, kantigem Stahl erhebt sich unmittelbar vor den Augen der Besucher. Deren Blicke folgen einem Geflecht aus Metallbändern, diese kreuzen und überlagern sich, treten ans Tageslicht und verschwinden wieder im Schwarz der Erde. Ausmaß und Tiefe der Verflechtungen sind nicht erfassbar. Folgt man den oberflächlichen, sichtbaren Spuren, welche sich zum südlichen, oberen Teil des Beethovenplatzes verdichten, bleiben die fragenden Blicke an einer zarten, acht Meter hohen goldenen Säule haften. Feine Schriftzeichen formen die Namen der zehn Opfer des Terrornetzwerkes NSU auf der glänzenden Oberfläche. In diesem fragilen Echo materialisiert sich Trauer und Verlust. Einem stoffgewordenen Sonnenstrahl gleich, erhebt sich das edle Metall mit mahnender Geste gen Himmel. 

    20 Zentimeter breite Bänder aus unbehandeltem Stahl formen ein Geflecht, welches sich im südlichen Teil der historischen Parkanlage ausbreitet. Es durchzieht Wege und Rasenflächen, zerschneidet das Hochbeet und übersteigt die Buntsandsteinmauern. Durch die räumlich zurückhaltenden Gestaltungselemente, die sich innerhalb der baulichen Strukturen im Bestand des Parks zeigen, wird der Charakter der historischen Parkanlage nicht beeinträchtigt. Die gewählten Materialien sind klar als nachträglich gestalterische Zugabe erkennbar. 

    Auf eine Erklärung des Mahnmals vor Ort wird im Rahmen des Konzeptes bewusst verzichtet. 

    Material und Konstruktion 

    Die Säule ist als glänzendes farbig gestaltetes Edelstahlrohr mit ca. 20 cm Durchmesser und einer Höhe von 8 m über Gelände konzipiert. Anstelle der dichtstehenden Blumen-Eschen bilden Purpur-Eschen in größeren Abständen und mit ausreichend großen Baumquartieren eine neue Raumkante zur Johann-Sebastian-Bach-Straße sowie zur dahinter liegenden Bebauung. Als Bepflanzung des Hochbeetes ist eine gestalterisch reduzierte Pflanzung mit Rutenhirse vorgesehen.  Für das Geflecht werden unbehandelte Stahlprofile gewählt.  

Entwurf eines Kunstwerks: Menschen sitzen an einem Steintisch, auf dem Tafeln der Opfer aufgestellt sind
Entwurf eines Kunstwerks: Menschen sitzen an einem Steintisch, auf dem Tafeln der Opfer aufgestellt sind

Arbeit 1069 – Verfasser – Anerkennung

 

MITEINANDER REDEN

Kunst: Prof. Jozef Legrand, Berlin   

Landschaftsplanung: glaßer und dagenbach, Berlin

 

 

 

 

Bildnachweis: © Prof. Jozef Legrand, Berlin

  • Miteinander reden…“  ist ein Bildraum des Gedenkens und Mahnens, den Opfern der NSU-Gewalt gewidmet, ein Ort des gesellschaftlichen Dialogs. 

    Die NSU-Morde stellen eine Zäsur im demokratischen Selbstverständnis und Funktionieren der Bundesrepublik dar. Die Attentate, der Umgang mit den Opfern und deren Angehörigen, das Versagen vieler Behörden machten deutlich, dass das demokratische Funktionieren und Handeln aller Personen und Instanzen in der Gesellschaft niemals als selbstverständlich betrachtet werden darf. Es bedarf immer eines Engagements des Einzelnen und von Gruppen, um die Demokratie zu gestalten, zu schützen und sie weiter zu entwickeln. Demokratie ist nie statisch, sondern immer prozessual. 

    Die NSU-Attentate haben nicht nur in die Öffentlichkeit mit extremer Gewalt eingegriffen, sondern in sehr nachhaltiger Weise in das Private der Opfer, in den Kontext ihrer Familien und allen, die ihnen begegnet sind. Die rechte Gewalt hat eine gewaltige Schockwelle quer durch die Gesellschaft ausgelöst, die bis heute nicht die Grenze ihrer Ausdehnung erreicht hat. 

    Miteinander reden…“ verhandelt als künstlerische Gesamtinstallation die zwei gesellschaftlichen Ebenen, das private und das öffentliche Miteinander. „Miteinander reden…“ besteht aus vier interagierenden Argumenten. Die Besucher:innen, die den Dialog an dem Ort des Gedenkens und Mahnens führen, sind das wichtigste Argument. Durch sie findet die Auseinandersetzung statt. Erst durch sie wird der Dialog lebendig und immer wieder anders.  

    Zentral steht die konkretisierte Einladung, sich an die uns bekannten Opfer in einem Dialog zu erinnern, am großen Tisch auf dem Erinnerungsteppich. Der Erinnerungsteppich ist der Platz, der als Mahn-Gedenkraum anschließend an den Landtagsvorplatz eingerichtet wird.  

    Auf dem monumentalen Tisch sind in einer dialogischen Inszenierung individuelle Gedenk- und Erinnerungstafeln für die 10 Opfer positioniert. Auf diesen Tafeln werden die jeweilige Lebenssituation, der Tathergang der Attentate und die Auswirkungen auch auf das Umfeld der Opfer infolge der falschen Verdächtigungen der Opfer thematisiert. Es werden einzelne Themenbereiche benannt, die Teil der komplexen öffentlichen/privaten NSU-Thematik sind.  

    Außerdem werden in den Tisch einzelne Sätze eingefräst, die sich auf den Verlust durch das Geschehen beziehen. Diese poetischen Beschreibungen machen das Geschehen auch auf einer emotionalen Ebene real und wirken der Distanzierung entgegen. Alle Elemente miteinander bilden eine erweiterte Handreichung zum Dialog. 

    Der Bildraum dieses verdichteten, mehrschichtigen gesellschaftlichen Dialogs wird definiert vom Erinnerungsteppich, den wir am Parkeingang, anschließend an den Landtag-Vorplatz auslegen. Er wird als wassergebundene Fläche ausgeführt, bildet das bestehende Geländerelief ab und nimmt die vorhandenen Bäume und die neue Bepflanzungsflächen auf, blühende Stauden und Ziergräser. Es ist eine in sich ruhende, gefasste Fläche, auf die die historischen Parkwege hinführen. In diesem Dialograum wird der fünfzehn Meter lange Dialogtisch leicht versetzt zu den Wegachsen zentral positioniert. Die Sitzbalken entlang des Tisches sind immer wieder unterbrochen, sodass man sich leichter einfügen kann oder mit einem Rollstuhl oder Rollator an dem Tisch Platz nehmen kann.  

Entwurf eines Kunstwerks: Steine und Gras treffen wellenförmig in einem Park aufeinander
Entwurf eines Kunstwerks: verschiedene Bodenbeläge (steine und Gras) treffen wellenförmig aufeinander.

Arbeit 1070 – Verfasser – Anerkennung

 

KONSPIRATION

Kunst: Missing Icons, knobloch + vorkoeper, Hamburg    

Landschaftsplanung: SB2, Hamburg

 

 

 

 

Bildnachweis: © Missing Icons, knobloch + vorkoeper, Hamburg

  • An der Johann-Sebastian-Bach-Straße empfängt der Beethovenplatz seine Besucher:innen mit einer Streuobstwiese. Mitten in der Stadt, gegenüber dem (lärmenden) Fußballstadion, wirkt sie ebenso fremd wie magisch. Sie verströmt Leben und spiegelt den Jahreslauf. Die Bäume blühen, duften, grünen, ihre Früchte reifen langsam bis sie fallen und vergehen. Sie tanzen frei verteilt über den Platz, wachsen ohne Schnitt und entwickeln sich zu einzigartigen, berührenden Baum-Charakteren. Von der Obstwiese geht ein Versprechen auf Wiederkehr und Zukunft aus, ihr Anblick spendet Trost für Trauernde. Sie gibt Raum zum Erinnern, Raum zum gemeinsamen Atmen (conspirare). 

    Gehen Passant:innen durch den Obstbaumhain auf die Freitreppe zu, die zum unteren Teil des Beethoven-platzes hinabführt, wird die kontemplative Atmosphäre schroff unterbrochen: Quer über den Platz strömt heller, weißer Kies in winkeligen, scharfen Kurven und weiten Schwüngen ins Rasenparterre. Die über sechzig Meter in alle Richtungen ausladende Bewegung zielt tendenziell in Richtung des Haupteingangs des Thüringischen Landtags. Die Konspiration überlagert und verschleiert die gegebene Ordnung des Beethoven-platzes, sie widersetzt sich aggressiv den Vorgaben. Bei jedem Schritt knirscht der feine Kies hörbar unter den Sohlen. Während er sich zum Weg hin vertritt und die Grenzen unscharf werden, zeichnet sich die Stoßkante der gespenstischen Form deutlich sichtbar in die Rasenfläche. 

    Kommen die Besucher:innen aus der entgegensetzten Richtung über den unteren Platz, dann flutet ihnen die Konspiration entgegen. Die Form greift sie an und verliert sich danach in Richtung der Freitreppe, die zur Streuobstwiese hinaufführt. Zwar bleibt der Weg vor der Treppe barrierefrei begeh- und befahrbar, aber die feinen weißen Kiesel zerstreuen sich hier unvorhersehbar. 

    Auf der Umrandung des denkmalgeschützten Beets in der Freitreppe, d.h. im Herzen des künstlerisch-landschaftlichen Entwurfs, der gleichsam den Schwerpunkt des umgestalteten Beethovenplatzes bildet, treffen die Besucher:innen auf ein sieben Meter langes, 40 cm schmales Tableau aus hellem Naturstein. In den Stein sind die Namen der Mord- und Anschlagsopfer eingraviert, deren Angehörige eine namentliche Erinnerung an diesem Ort wünschen. Unterhalb der Namen verläuft über die Länge der Tafel ein erläuternder Text zu Konspiration | conspirare. Das Tableau offenbart sich nicht auf einen Blick, es schafft keine Hierarchien, sondern kann Schritt für Schritt abgewandert und gelesen werden. Es bietet Platz für mehrere Lesende nebeneinander und vor ihm, zwischen Kunstwerk und Streuobstwiese, öffnet sich Raum für Versammlungen zum Gedenken an die Opfer.  

    Zum Abschluss des Erinnerungswegs über den unteren Beethovenplatz empfangen und umfangen die wilden Obstbäume die Besucher:innen auf der oberen Terrasse mit ihrem naturgegebenen Vermögen, Erinnerungen zu stimulieren, Wut zu lindern, Trost zu spenden.  

Entwurf eines Kunstwerks: 10 kleine Säulen auf einem kleinen Platz in einem Park

Arbeit 1071 – Verfasser – Anerkennung

 

ZEHN BRUCHSTEINE

Kunst: Thomas Lindner, Erfurt  

Landschaftsplanung: plandrei, Erfurt

 

 

 

 

Bildnachweis: © Thomas Lindner, Erfurt

  • Die vorhandenen Gehölze sind Bestandteil des Konzeptes und werden gestalterisch einbezogen. Ebenfalls wird die historische Treppenanlage mit integrierten Beeten erhalten. 

    Etwa in der Mitte des Planungsraumes, leicht asymmetrisch zum Landtag, befindet sich das Zentrum des Gedenkortes, eine ca. 7 x 7m große Splittfläche mit zehn darauf stehend angeordneten Natursteinblöcken aus Porphyr. Entsprechend der Lage des Gedenkortes, ergibt sich eine Dreiteilung des Wegenetzes, um die Erreichbarkeit aus den Hauptrichtungen zu gewähren, Jürgen Fuchs Straße/ Landtag, Johann-Sebastian-Bach Straße und der Nord- Südachse des Beethovenplatzes. Dabei gaben die quer zur Jürgen-Fuchs-Straße angeordneten Betonquader den Impuls, deren Parallelität aufzunehmen und als Grundprinzip, besonders beim Plattenbelag, fortzuführen. Sie verbinden Straße und sich anschließende Grünanlage, assoziieren Unregelmäßigkeit und schieben sich in Bestandsflächen ein, wobei sie gleichermaßen vernetzen, als auch trennen.  

    Bezugnehmend auf das damalige Behördenversagen und die jahrelange Nichtaufklärung der Morde, als auch als Mahnung gegen Rassismus in unserer Gesellschaft, intendiert von den bauseits vorhandenen Betonquadern quer zur Verkehrsrichtung der Jürgen-Fuchs-Straße, sind mahnende Schriftzüge auf den Boden geschrieben. Es sind sieben mit weißer Straßenfarbe aufgebrachte Aufrufe wie beispielsweise „Niemals wieder“ oder „Schaut nicht weg“, Aufschriften von Transparenten, die auf NSU-Gegendemonstrationen  zu sehen waren. Neben der Funktion mit sperrigen Losungen zu mahnen, deuten die Schriftzüge auf den unmittelbar rechts angrenzenden Erinnerungsort hin.  

    Über die Hauptachse kommende Passant*innen werden von den Worten „Den Opfern des NSU“, in den über die Rasenkante hinausgeführten Bodenplatten, auf die Erinnerungsstätte hingewiesen, bzw. geleitet. 

    Zehn Bruchsteine - das Zentrum 

    Die Kultur des Erinnerns an diesem Ort hat zwei wesentliche Aspekte - das individuelle, persönliche Erinnern an eine bestimmte, auch namentlich genannte Person und das Erinnern an die rassistisch motivierte Mordserie in der Mitte unserer Gesellschaft, ermöglicht durch das Versagen Thüringer und anderer Sicherheitsbehörden.  

    Zehn Opfer - zehn Bruchsteine - angeordnet auf einer an ein Fünfeck angelehnten Splittebene, 10cm tiefer gelegen mit unregelmäßigen, vom umgebenden Plattenbelag bestimmten Rändern. Die natürlich gebrochenen Steinblöcke (roter Porphyr) werden senkrecht aufgestellt und mit Betonfundamenten im Boden verankert.  Sie sind bei einer einheitlichen Höhe von 80 cm waagerecht beschnitten, die Schnittflächen hochglanzpoliert. Variabel zur Höhe gestaltet sich die Breite der Bruchsteine, je nach naturgegebener Form zwischen ca. 30 bis 50 cm. Die Anordnung der Steinblöcke auf der Ebene folgt der Form einer Spirale, welche als Zeichen für Veränderung in fast allen Kulturen und Religionen zu finden ist, gleichzeitig ist das Material Stein ein Symbol von Zeitlosigkeit bzw. Ewigkeit. 

    Um dieses Zentrum herum ordnen sich auf einer zweiten Platzebene Sitzmöglichkeiten, Bänke mit Sitzflächen aus Holzrosten für etwa 40 bis 45 Personen, die stilles Gedenken in sitzender Weise oder Bildungsarbeit mit Gruppen bzw. Schulklassen ermöglichen.  

    Pflanzungen 

    Die fünfeckige Form der Standebene der Steine findet Wiederholung und Variation in den umgebenden Pflanzflächen. Die Anordnung der Pflanzflächen verdichtet sich zum Gedenkort hin und erzeugt dadurch eine räumliche Fassung. Mit einer Bepflanzung aus immergrünen, und robusten Heckengehölzen, wie zum Beispiel Eibe, entstehen raumbildende Formgehölzflächen, die durch regelmäßigen Schnitt auf der Oberseite eine asymmetrische Topografie erzeugen. Es entsteht ein klarer, formaler Rahmen, der auch im Winter ein ansprechendes Erscheinungsbild bietet. 

Entwurf eines Kunstwerks: Mauerfragmente in einem Park
Entwurf eines Kunstwerks aus Mauern und einem gläsernen Kern

Arbeit 1072 – Verfasser – Anerkennung

 

STAHLWÄNDE

Kunst: Thomas Freytag, Weimar   

Landschaftsplanung: Holgar Ehrensberger, Jena

 

 

 

 

Bildnachweis: © Thomas Freytag, Weimar

  • Figürliche Darstellungen sind oft zu zeitbezogen und wecken falsche Assoziationen, andererseits sind aber Vieldeutigkeit und symbolische Bezüge durchaus gewünscht, ja gefordert, um die gesellschaftliche Komplexität  der Problematik zu verdeutlichen. . .  

    Ausgewählt wurde eine formal einfache, minimalistische Skulptur aus schwarzen Stahlwänden, die leicht versetzt parallel zu den Gebäuden des Landtags stehen. Sie sollten mindestens drei Meter hoch sein und wie provisorisch auf die Fläche „gestellt“ wirken, um ein Gefühl für ein labiles Gleichgewicht und eine gewisses „Unbehagen“ entstehen zu lassen. Dieser Effekt sollte durch die statisch minimal erforderliche Wandstärke noch verstärkt werden. „Dünne“ Wände in einer gefährlichen Balance . . .   

    Die Flächen müssen tief schwarz  sein um wie ein „Loch“ im Raumgefüge des Parks zu wirken. (Erreicht wird dieser Effekt zum Beispiel mit „Vantablack“, einer „Farbe“, die beinahe 90 % des einfallenden Lichts absorbiert!) Im Gegensatz dazu steht ein Glaskörper aus eine Vielzahl geschichteter Scheiben, der bei beginnender Dunkelheit von unten beleuchtet wird. 

    Stahl und Glas als Gegensatzpaar stehen für Undurchdringlichkeit und Transparenz, für Härte und Zerbrechlichkeit, für Dunkelheit und Licht -- aber auch, da die Gläser den Stahl an Öffnungen durchdringen, dialektisch für die Spaltung und den Zusammenschluss innerhalb einer Gesellschaft.  

    Beabsichtig ist also keine eindeutige, leicht verständliche Aussage sondern eine hermeneutisch anspruchsvolle Herausforderung. Als kleine Hilfe dient eine, zum Accessoire gehörende Informationstafel und mögliche Gravuren in den (wenigen) umstehenden Bänken.   

    Das Glasobjekt besteht, entgegen der ursprünglichen Absicht nicht aus pre-crashed Glas, sondern -- nicht nur aus Kostengründen --  aus Glasabfall. Die Scheiben aus unterschiedlichen Gläsern werden grob zugeschnitten und von engagierten Bürgern als Event unter Anleitung verklebt und montiert. Eventuelle Beschädigungsversuche, Anschläge sind durchaus kalkuliert und werden Bestandteil der kollektiven Erinnerung. 

    Die frei stehenden Wände mit Glasteil sind ein Bestandteil des Objekts, der andere ist die geometrische Freifläche -- zusammen bilden sie eine Einheit. Das heißt, die den skulpturalen Teil umgebende Fläche ist nicht schlechthin „Umgebung“, sondern integraler Bestandteil der Anlage. 

    Die Beleuchtung des Glases erfolgt durch LED Spots von unten und wird über Bewegungsmelder und einen Dämmerungsschalter gesteuert. Die dafür erforderliche Niederspannungsinstallation ist unkompliziert und nicht kostenintensiv über Leerrohre im Freiraum möglich und kann an die vorhandene Beleuchtungsanlage des Parks angeschlossen werden. 

    Nachts strahlt der Glaskörper in sich und wird somit auch in Dunkelheit eine permanente Aufmerksamkeit bewirken. 

    Das freistehende Mahnmal wird von neutraler Rasenfläche umgeben und im Hintergrund von dem vorhandenen bzw. neu zu pflanzenden Gehölzen gerahmt. 

Entwurf eines blühenden Kunstwerks

Arbeit 1073 – Verfasser – Anerkennung

 

 

Kunst: Kooperative für Darstellungspolitik, Berlin   

Landschaftsplanung: Büro für Konstruktivismus

 

 

 

 

Bildnachweis: Kooperative für Darstellungspolitik, Berlin   

  • Wir möchten dem Park mit wenigen kleinen Eingriffen in seiner historisch-räumlichen Struktur pointieren und dem Wettbewerbsgebiet einen Denkmalcharakter geben, der ihm schon eingeschrieben zu sein scheint. Mit einem prägnanten textlichen Eingriff – einer Inschrift (A) – an dieser Stelle könnte der Ort selbst zu einem Denkmal werden. Die Mauern, die Blicke, die Bewegung im Raum, die Parkmöblierung, die Schatten der Mauern und Bäume und die Rosen entfalten eine neue Bedeutung. Sie werden Bestandteil einer räumlichen Struktur der Erinnerung, zu der im weiteren die partizipative Erinnerungstafel (B) und die Veranstaltungsstruktur des Antirassistischen Forums (C) gehören. 

    Denkmal als Ausgangspunkt eines Prozesses der Unterstützung und Sorge 

    Der dem vorgeschlagenen Denkmal zugrundeliegende Kunst- und Gestaltungsbegriff fokussiert auf den Kontext des Ortes als materieller und sozialer Raum. Es versucht, diese Ressourcen zu stützen und mit minimalen Eingriffen für ein kritisches Gedenken zu aktiveren. Der soziale Prozess des Erinnerns und Mahnens soll dabei nicht in einem Objekt, Raumeingriff oder Text eingeschlossen werden, sondern in der Verbindung mit denjenigen, die täglich dafür Sorgen tragen, dass diese Taten sich nicht wiederholen, gestärkt und lebendig gehalten werden. Darum ist unser Vorschlag, kein fertiges Monument, sondern eine gestalterische, strukturelle und organisatorische Grundlage zu schaffen, um mit den dringend hinzuziehenden Akteuren einen längerfristigen künstlerischen Prozess in Gang zu setzen. Dafür und für die Vermittlung ihrer Anliegen, stellt der Entwurf die nötige Infrastruktur her. 

    Wenn es der Anspruch eines Denkmals gegen rassistische Gewalt ist, deren Betroffene zu hören und ihnen Raum für ihre Stimmen zu geben, kann sich eine künstlerische Gestaltung nur auf die dafür nötigen technischen, räumlichen, ökonomischen und organisatorischen Aspekte bemühen. Ein solchermaßen angelegtes Denkmal muss Raum öffnen für das selbstbestimmte Mahnen und Erinnern von und mit Betroffenen. Die vorgeschlagene Stätte der Erinnerung und Mahnung mit ihren drei Bestandteilen der Inschrift (A), der Erinnerungstafel (B) und des Antirassistischen Forums (C) bleibt möglichst offen auf die Zukunft und möglichst konkret in Bezug auf das Geschehene. 

    Inschrift 

    An die Mauer auf der Mittelachse des Parks soll ein kurzer Text aus Metallbuchstaben angebracht werden. Die Worte sollen der Erinnerung an die Opfer und der Mahnung vor Rassismus dienen. Was genau dort zu lesen sein wird, ist noch nicht bekannt.  

    Die konkreten rassistischen Gewalttaten, das Behördenversagen der Polizei und die unrühmliche Rolle des Verfassungsschutzes, die diskriminierenden Medienberichterstattung und die gesellschaftlichen Strukturen und Kontinuitäten, in die diese rassistischen Morde eingebettet waren und die sie unterstützen, bilden zusammen einen Gewaltkomplex, der unzählige Opfer produziert. Ein Gedenken an die rassistischen Morde und deren gesellschaftliche und politische Zusammenhänge muss daher zuallererst den Betroffenen das Wort übergeben. Sie sollten eingeladen werden, gemeinsam in einem ersten Workshop in Erfurt vor Ort, den zentralen Gedenktext zu entwickeln und darüber zu entscheiden. Wenn die Entscheidung gefallen ist, wird die Inschrift in Metallbuchstaben an der dafür vorgesehenen Stelle angebracht. Dieser Prozessschritt wird – wie die anderen auch – öffentlich vermittelt. 

    Erinnerungstafel 

    Über die Entwicklung der Inschrift hinaus, sollen Angehörige und deren Unterstützer:innen-Netzwerk zu Akteuren eines aktiven Gedenkens werden. Nur sie können die richtigen und angemessenen Worte für das durch die Verbrechen verursachte Leid finden – ihre Namen müssen genannt werden, ihre Geschichten müssen erzählt werden. Die lebendige und persönliche Erinnerung an die Getöteten sowie die konkrete Benennung der Morde und der sie ermöglichenden Strukturen werden sich aus den persönlichen Geschichten, denr Erinnerungen, dem Wissen und den Erfahrungen den Betroffenen bilden. 

    Angehörige, Verbliebene, Unterstützer:innen und Freund:innen der Opfer, werden zu einem 2-tägigen Workshop nach Erfurt geladen und eine Erinnerungstafel zu gestalten. Gemeinsam mit den Gestalter:innen wird aus mitgebrachten Materialien, Gedanken, Texten und Ideen ein erzählerisches Layout entwickelt. Die überarbeitete gemeinsam erstellte Grafik wird im Anschluss auf die Stahltafel übertragen. Sie vermittelt persönliche Erinnerungen, Statements, Informationen und die Perspektive der Angehörigen und Unterstützer:innen, die zum Gedenken einladen.  

    Dieser in A und B dargelegte Ansatz des selbstbestimmten Gedenkens wurde gemeinsam mit Vertreter:innen von Betroffenen und Unterstützer:innen der Opfer der NSU Morde entwickelt und basiert auf der politischen Vorarbeit von Initiativen wie „Reclaim and Remember“, „Say Their Names“ und „NSU-Tribunal“. Wir konnten unter Wahrung der Anonymität des Wettbewerbs voreruieren, dass von Seiten der Opfervertretung Interesse an einer Zusammenarbeit bei der Ausgestaltung der Inschrift und der Erinnerungstafel besteht. 

    Antirassistisches Forum 

    Die zweite wichtige Aufgabe der ausgeschriebenen Stätte ist das Mahnen bzw. das Sorgetragen für eine diskriminierungsfreiere Gesellschaft. Es soll ebenso wie das Erinnern nicht präfiguriert werden und in der Anschauung oder sinnlich-räumlichen Erfahrung eingeschlossen bleiben, sondern gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren stattfinden. Unser künstlerischer Eingriff besteht daher weiter aus der Etablierung eines öffentlichen Forums gegen Rassismus.  Dieses Antirassistische Forum (Arbeitstitel) lädt zivilgesellschaftliche Akteure aus Erfurt und Umgebung ein, ihre Praxis vor Ort sichtbar zu machen und mit Expert*innen aus anderen Feldern zu diskutieren. Dafür soll aus dem Realisierungsbudget eine kleine kuratorische Stelle für zunächst zwei Jahre ermöglicht werden, die sich um die Entwicklung, Kommunikation, Durchführung und Dokumentation des Programms kümmert. 

Entwurf eines Kunstwerks: eine Silhouette tötet eine andere mit einem Messer
Grafik eines Kunstwerks mit Silhouetten in verschiedenen Positionen

Arbeit 1074 – Verfasser – Anerkennung

 

MORD

Kunst: Dr. Ulrich Barnickel, Erfurt   

Landschaftsplanung: RossGrün, Weimar 

 

 

 

 

Bildnachweis: Dr. Ulrich Barnickel, Erfurt    

  • Die Skulpturen-Installation „Mord“ soll aus einer vollplastischen Doppelskulptur in verschiedener Körperhaltung bestehen. In signethafter Form – strichmännchenhaft figurativ – soll die Aussage des Ensembles aus Stahl sofort erkennbar sein und Betroffenheit initiieren. Die Idee kommt vom fünften der zehn Gebote: „Du sollst nicht töten“.  

    Figurative Kunst weist starke Bezüge zur realen Welt auf. Der Mensch bedarf eines Bildes seiner selbst – unabhängig der Form – und möchte sich in Beziehung zu seiner Lebensumwelt wissen. Wer sich jedoch heute der Figur zuwendet, wird und will nichts mehr mit dem klassischen Abbild zu tun haben.  

    Dem Beispiel der 10 Gebote folgend und menschliche Werte aufzeigend, die bereits in vorchristlicher Zeit Geltung besaßen, sehen wir in dieser Gruppe eine nach hinten gefallene, zu Boden gerungene Figur, die von einer, über sie gebeugten anderen Figur mit einem Messer bedroht wird. Dieses Messer könnte der Auffälligkeit halber aus Edelstahl gefertigt sein oder blattvergoldet werden. 

    Wird diese zustechen, gar morden?  

    Die Höhe der stehenden Skulptur beträgt ca. 4 m. Die Skulpturen sollen sich ebenerdig auf dem Boden befinden – ohne auf einen Sockel gestellt zu werden.  

    Dieser erste Teil der Arbeit befindet sich auf der Mittelachse der Platzfläche und ist in seiner Ausrichtung zum Ort der Demokratie dem Thüringer Landtag gerichtet. Somit steht die Figurenkonstellation auf keiner Wegeachse und steht gleichwohl filigran als auch signifikant auf der Platzfläche.  

    Als zweiter Teil der Arbeit kommen drei, in der Körperhaltung unterschiedliche Silhouetten aus starkem Stahlblech ins Spiel, welche im Vorfeld den Betrachter in Schritten zur Vollplastik leiten. Die Silhouetten stehen verteilt auf der oberen Fläche.  

    Die Figuren werden archaisch verknappt, um Zeichen zu setzen bzw. Signets für die Situation des Menschen zu finden. Die pathosgeladene Kraft des Figürlichen deutet auf die Suche nach sinnlicher Erklärung bzw. der eigenen Identität und um Vergegenständlichung des Geistes.  

    Das Material Eisen bzw. Stahl suggeriert Beständigkeit, jedoch mit Rost an der Oberfläche. Dieses Blut des Eisens unterstreicht das Vergängliche, aber auch das Verletzbare des Menschen.  

    LANDSCHAFTSARCHITEKTUR 

    Das landschaftsarchitektonische Konzept sieht eine behutsame und denkmalschonende Gestaltung vor. Die Axialität und Geometrie sowie die weite, offene und innenliegende Rasenfläche und die rahmende Gehölzkulisse werden weder angefasst noch verändert. Dadurch sollen die denkmalkonstruierenden Gestaltungsprinzipien bewahrt bleiben. 

    Durch die wenigen Eingriffe bleibt der Beethovenplatz in seiner Gesamtstruktur erhalten, wird jedoch gezielt aufgewertet. 

    Vorgesehen ist die Doppelskulptur „Mord“ auf einer rot eingefärbten, ebenerdigen Betonplatte in Besenstrichoptik zu platzieren. Diese soll an das vergossene Blut erinnern. Zusätzlich soll die Doppelskulptur durch bodengleiche Spots von unten bestrahlt werden.  

    Des Weiteren soll auf der unteren Platzfläche neben der Skulptur ein besonderes Freiraumelement in Form einer Bank dem Platz mehr Aufenthaltsqualität verleihen.  

Ausstellung

EIN GEDENKORT FÜR DIE OPFER DES NSU AM THÜRINGER LANDTAG

Präsentation des Gestaltungswettbewerbs

Mit Blick auf die Herkunft der Täter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe und die schwerwiegenden Versäumnisse der eigenen Sicherheitsbehörden hat der Thüringer Landtag im September 2017 die Errichtung eines Gedenkorts für die Opfer beschlossen. Auf dieser Grundlage hat die Thüringer Staatskanzlei im Frühsommer 2022 einen Wettbewerb zur Gestaltung der Stätte auf dem Beethovenplatz in Erfurt ausgelobt. Die Ausstellung präsentiert nun alle eingereichten Entwürfe der Öffentlichkeit, darunter auch die siegreiche Arbeit "Schattenwurf" des Künstlerduos Dagmar Korintenberg + Wolf Kipper zusammen mit dem Landschaftsarchitekturbüro "realgrün".

Laufzeit 02. Dezember 2022 bis 19. Februar 2023

Ort: Erinnerungsort Topf & Söhne | Sorbenweg 7 | 99099 Erfurt

Weitere Informationen zu Ausstellung

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