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Aufnahme des Lutherbrief an Justus Jonas aus dem Jahr 1536

Themenjahr 2022 „WELT ÜBERSETZEN“

500 Jahre Bibelübersetzung

Anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg stellt die Thüringer Tourismus GmbH (TTG) das gesamte Jahr 2022 unter das Motto „Welt Übersetzen“. Am Reformationstag, 31. Oktober, eröffnenten Ministerpräsident Bodo Ramelow, Katja Wolf, Oberbürgermeisterin der Stadt Eisenach, TTG-Marketingleiterin Martina Maaß und Superintendent Ralf-Peter Fuchs, das touristische Themenjahr in der Wartburgstadt Eisenach.

„Die Bibelübersetzung von Martin Luther ist nicht nur eine theologische Meisterleistung, sondern tatsächlich auch eine wesentliche Grundlage für unsere heutige deutsche Sprache“, verdeutlicht Ministerpräsident Bodo Ramelow seinen Anspruch an das Jubiläumsjahr.

„In kaum elf Wochen“, so der Ministerpräsident weiter, „war es dem Reformator gelungen, eine Bibelübersetzung vorzulegen, die einerseits hohen theologischen Ansprüchen genügte, andererseits aber so angelegt war, dass auch das ‚gemeine Volk‘ sie verstehen konnte. In einem Reich, dass nicht nur in zahlreiche Kleinstaaten zerfiel, sondern in dem wenigstens genauso viele Dialekte gesprochen wurden, war das eine Neuerung ungeahnten Ausmaßes.“

Der Ministerpräsident verweist auf das Kulturschöpferische der Lutherschen Übersetzung: „Als sprachlichen Ausgangspunkt wählte Luther die sächsische Kanzleisprache, eine technische Verwaltungssprache, die überregional verwandt wurde. Ihm gelang das Kunststück, diese sehr formalisierte Sprache – vergleichbar mit heutigen Programmiersprachen – durch einfallsreiche Sprachbilder so auszugestalten, dass Vieles davon die Jahrhunderte bis heute überdauert hat. Jeder kennt Redewendungen wie ‚ein Herz und eine Seele‘, ‚ein Buch mit sieben Siegeln‘ oder ‚Hochmut kommt vor dem Fall‘. Die Liste ließe sich beliebig verlängern und zeigt, mit welcher Wucht und Kraft Luther dem ’Chaos der Dialekte‘, wie es ein Feuilletonist einmal umschrieb, zu Leibe rückte.“

Reformationstag auf der Wartburg

Spannende Projekte

Martin Luthers Erbe ist überall in Thüringen spürbar. Aus aller Welt und ganz Deutschland kommen Gäste, um seinen Spuren zu folgen. Bereits im Jahr 2017 –  zum 500. Jubiläum der Reformation – lockte Thüringen in seiner Wahrnehmung als Lutherland viele Besucher*innen von nah und fern an. Einen Rekordversuch soll es mit der Wiedmann-Bibel geben. Willy Wiedmann setzte das Alte und Neue Testament in den 1980er Jahren in Bilder um. Seine Werke werden 2022 den Weg von der Stadt hinauf zur Wartburg illustrieren: die längste begehbare Bilderbibel - ein weltweit einzigartiges Projekt.

Aus einer Untersuchung des Einflusses der Lutherschen Übersetzung auf die Sprache, die Musik und die Kunst entstand eine großangelegte Marketing-Kampagne, welche das Jubiläumsjahr touristisch begleiten soll und die Verbindungen zu J.S. Bach oder Cranach hervorhebt. Entwickelt werden zum Beispiel Werbemotive für Online und Print, ein Podcast, touristische Publikationen, eine neue Tour in der Thuringia.MyCulture.-App und Autobahnschilder. Die Himmelsburg 2.0 beinhaltet hochmoderne Virtual-Reality-Technik in einem Überseecontainer, in dem die abgebrannte Weimarer Kapelle Himmelsburg, welche Bach besonders liebte, zum Leben erweckt wird.

KANZELREDE: „LEBEWORTE“ ANLÄSSLICH DES REFORMATIONSTAGS 2021

Sonntag, 31. Oktober 2021, 18:30 Uhr, Pallas der Wartburg bei Eisenach

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In einem Gottesdienst zum Reformationstag auf der Wartburg sprach Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow eine Kanzelrede. Darin ging er auf die Rolle der sogenannten Nachernte ein und erzählte persönliche Bezugspunkte nach.


  • Es gilt das gesprochene Wort.


    Liebe Reformationstagsgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

    Hinführung – Was sind meine Lebeworte?

    • In Vorbereitung auf den heutigen Tag erinnerte ich mich an das letzte Mal, das ich anstelle einer Predigt in einem Gottesdienst sprechen durfte.
    • Es ist genau 13 Jahre her und war in Berlin. Anlässlich des Reformationstages durfte ich, der Bundestagsabgeordnete Ramelow, in der Auenkirche zu Berlin-Wilmersdorf sprechen. Ich führte meine Gedanken zum Philipperbrief aus.
    • Aber der Gottesdienst war alles andere als gewöhnlich:

    Menschen, denen in der DDR Unrecht geschah, hatten versucht, meine Ausladung zu erzwingen. Einige von ihnen kamen auch in den Gottesdienst, der daher unter Polizeischutz stattfand.

    • Die Pastorin war deshalb so aufgeregt, dass sie glatt den Segen für die Gemeinde vergaß. Erst als eine Frau aus der ersten Reihe rief „Wir können nicht ohne Segen in den Tag gehen“, drehte die Frau Pfarrer sich um und alles war gut.
       
    • Heute ist es zum Glück anders.

    Und ich kann frohen Mutes sagen: Hier bin ich also.

    • Oder um die Abschrift[1] von Luthers Reichstagsrede zu zitieren: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
    • Ein linker Ministerpräsident, der am Reformationstag auf der Wartburg etwas über seine Lebeworte sagen darf – das ist sicher nicht ganz gewöhnlich.
    • Schnell steht da das Bild von Marxens „Opium“ im Raum, mit dem ich immer wieder konfrontiert werde, wenn Menschen erfahren, dass ich ChristundSozialist bin.
    • Dass meine Lebeworte von der Betäubung der Menschen aber weit entfernt sind, das werde ich Ihnen im Folgenden erklären.
    • Schließlich braucht man die Bibel nur aufschlagen und man findet auf Anhieb Worte, bei denen man sich nicht gleich sicher sein kann, woher sie stammen:

    Aus der Heiligen Schrift oder aus einer Verlautbarung aus linken Kreisen?

    • Paulus´ Brief an die Galater:

    „Einer trage des anderen Last (…)“[2],

    das Zinsverbot im 2. Buch Mose[3] oder das Gleichnis vom Reichen und dem Nadelöhr[4] zeigen mir, dass sich mein Glaube und meine politische Weltsicht gar nicht so weit unterscheiden.

    • Und dass ich als Ministerpräsident auch gern einmal die Speisung der 5000[5] vollbringen würde, das ist in Anbetracht der immer größeren Lücke zwischen arm und reich ein wirklich frommer Wunsch.
    • Die Lebeworte, über die ich heute aber ausführen möchte,   sie stehen ziemlich weit am Anfang der Bibel.
    • Lesen wir im 5. Buch Mose (das wir auch Deuteronomium [sprich: Deutero-nomium] nennen) im Kapitel 24 nach, so finden wir in der Luther-Übersetzung von 2017 im Vers 19 folgende Worte:

    „Wenn Du auf deinem Acker geerntet

    und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker,

    so sollst du nicht umkehren, sie zu holen,

    sondern sie soll dem Fremdling, der Waise und der Witwe zufallen, auf dass dich der Herr, dein Gott,

    segne in allen Werken Deiner Hände.“

    Von Ernte, Dankbarkeit und Überlassen

    Liebe Schwestern und Brüder,

    • als ich heute Morgen nach Eisenach kam, ging es über die A 4. Wir fuhren in Eisenach-Ost ab und über die Ortsteile Hötzelsroda und Stregda in die Stadt.
    • Den Berg von Hötzelsroda hinunter, strahlte die Burg schon von Weitem. Ein Anblick, an dem ich mich auch nach mehr als 30 Jahren in Thüringen nicht satt sehen kann und der an einem Reformationstag besonders beeindruckend ist.
    • Es ist selbstverständlich, dass ich beim Anblick auch an die Heilige Elisabeth denken musste, die wir in Marburg als eine quasi evangelische Heilige verehrten und die ich hier in Thüringen als katholische Heilige kennenlernte.

    Bei meinem Besuch beim Papst übergab ich diesem eine Bronzefigur der Heiligen Elisabeth und sagte ihm, ich habe eine faktisch ökumenische Heilige mitgebracht.

    Dass ich diese Burg bei meinem Weg in Luthers liebe Stadt gut sehen konnte, lag auch daran, dass nichts den Blick verstellte.

    • Die Felder sind nun, am 4. Sonntag nach Ernte-Dank, abgeerntet und leer.
    • Auch die Obst- und Nussbäume tragen keine Früchte mehr.
    • Nach dem harten Frost, der vergangenen Sonntag die Region um Eisenach betraf, so hat ein Freund es mir erzählt, inzwischen auch kaum noch Blätter.
    • Es ist die Zeit, in der das in der Bibel weit am Anfang der insgesamt 73 Büchern erwähnte Gebot zum Überlassen der sogenannten zweiten Ernte eindeutig greift.
    • Es ist die Zeit der Landwirtschaft und der Ernte von Obst, Gemüse, Futtermitteln.
    • Trotzdem hat das Bibelwort – es findet sich in ähnlicher Form auch in den Büchern Rut und Levitikus wieder – eine weitaus größere Dimension, als sich beim kurzen Lesen des Textes zu offenbaren scheint.

    Persönliche Geschichte: Das Teilen und das Miteinander

    • Es ist eine Dimension, mit der ich schon als Kind in Berührung kam, wenn mir auch der konkrete Vers erst später nahegekommen ist.
    • Ich wurde 1956 in Osterholz-Scharmbeck geboren. Der Krieg war 11 Jahre vorbei und das Nichthaben gehörte bei uns zur Normalität. Ich kenne Hunger und Not aus eigener Erfahrung.
    • Dennoch erinnere ich mich gern an die Zeit, in der ich insbesondere Liebe und Kraft meiner Mutter spürte.
    • Ich bin in einer sehr christlich geprägten Familie aufgewachsen. Mit 11 gingen wir zurück in die eigentliche Heimat der Familie meiner Mutter, die ja eine geborene Fresenius war.
    • An der Kirche, in der ich konfirmiert wurde, zeugen noch heute die Grabsteine davon, wie meine Vorfahren als Ortspfarrer in Rheinhessen tätig waren.
    • Dass ich am Reformationstag auf der Wartburg stehen und sprechen darf, meinen Ahnen Johann Wilhelm Fresenius – ein glühender Lutheraner und Begründer eines weit verbreiteten Katechismus – hätte es gewiss gefreut.
    • Sicher ist es auch zum Teil dieses christliche und auf die Gemeinsamkeit im Glauben und im Mahl ausgerichtete Menschenbild, das meine Einstellung zur Welt schon von Kindheit an prägt.
    • Aber es waren auch die Erfahrungen, die ich machte:
    • Die Kinder, mit denen ich aufgewachsen bin, sie waren Kinder von Geflüchteten. Sie lebten in einer Umgebung, in der ihre Familien sich nicht schon seit Jahrzehnten zu Hause fühlten.
    • So wie auch wir nur durch Zufall in dieser fremden Stadt Osterholz-Scharmbeck gelandet sind.
    • Wir alle waren arm. Doch es existierte unter uns so eine Art stille Solidarität, ja fast ein gemeinsamer Stolz. Die wirtschaftlich Starken waren die Ausnahme, eine Minderheit.
    • Es war eine Zeit, in der man sich gegenseitig Dinge weitergegeben hat. Der Kleidersack, der von Familie zu Familie weiterging, war vollkommen normal.
    • Heute würden wir dies über moralische Maßstäbe bewerten, die aber gar nicht moralisch sind, sondern nur dem Konsum dienen. Weil der Konsum in unserer Zeit des Wohlstandes und der Wohlstandsverwahrlosung auf einmal zu einem Wert wurde.
    • Wir sind in einer gefährlichen Situation, die uns die Bibel schon beim Tanz ums goldene Kalb[6] beschreibt. Konsum und die Abkehr vom Miteinander und von Gott: Beides hat, das weiß die Schrift, für die Israeliten unangenehme Folgen. Es könnte ein anderes Lebewort sein, eines, das mahnt. Aber eines, über das ich heute nicht zu sprechen gekommen bin.
    • Zurück zum 3. Buch Mose: Benannt wird ein Gebot, das eine Aufforderung bringt, die in meiner Kindheit auf dem Dorf für mich dazugehörte, ohne sie zu hinterfragen:
      Teilen gehört zur Normalität.

    „Wenn Deine Gäste hungrig sind, dann schütte Wasser in die Suppe und sie reicht für alle.“

    • Was wie ein Bibelwort klingt, war die Küchenphilosophie meiner Großmutter.
    • Das Teilen des Wenigen was wir hatten, das war für sie genau so selbstverständlich wie das Stoppeln.
    • Ein Begriff, den der Duden als schwaches Verb belegt und der in unserer, von Luther geprägten Sprache, heute kaum noch Verwendung erfährt.
    • Damals aber, in meiner Kindheit, kannten und nutzten wir ihn alle.

    Ministerpräsident trifft auf das Stoppeln

    • Als Ministerpräsident treffe ich auch heute – den Kinderschuhen seit vielen Jahren entwachsen – an jeder Stelle, überall, auf das Stoppeln, auf den sorgsamen Umgang mit dem, was wir haben und der Verteilung an die, die es brauchen:
    • das geht los bei der Frage: „Bildung und Betreuung, beitragsfrei“.
    • das ist für mich aber auch die Frage: „Wie finanziert sich ein moderner Sozial- und Rechtsstaat? Und was gewährt er all denen, die eine bessere Perspektive brauchen?“
    • Dass man scheinbar gerecht alle gleich belastet, führt zu keiner Gleichheit.
    • Die Frage ist doch, ob es eine ausgleichende Mechanik gibt. Eine ausgleichende Methodik, die aber immer wieder neu begründet werden muss. Es muss erkennbar sein, dass erst durch den Ausgleich wieder das Gemeinsame entsteht.
    • Und es ist auch die Frage, ob bezahlbares Wohnen und eine Gemeinwohl-Verpflichtung für das Eigentum vielleicht eine Dimension hat, die nicht nur im Grundgesetz verankert ist, sondern auch auf diesen biblischen Grundsätzen basiert.
    • Es sind nur einige politische Themen, mit denen wir uns als Gesellschaft beschäftigen und bei denen wir die Umsetzung der Aufforderung aus dem 5. Buch Mose heute mehr denn je hinterfragen müssen.

    Die Beziehung zum Eigentum 

    • Dies liegt aber nicht nur in der Bibel, einem Buch mit einer Entstehungsgeschichte von mehreren tausend und einer Übersetzungsgeschichte von genau 500 Jahren.
    • Lesen wir nach, so finden wir in dem Bibelvers einen Hinweis, der aktueller denn je ist und den der Artikel 14 [Satz 2] unseres Grundgesetzes wie folgt zusammenfasst:

    „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

    • Fast 26 Jahre ist es her, dass ich und andere, unter ihnen auch Heino Falcke, in der Erfurter Augustinerkirche die Erfurter Erklärung unterzeichneten.
    • Bruder Falcke hatte ich schon 1983 kennengelernt, als unsere Wege sich bei Demonstrationen im Bonner Hofgarten kreuzten. Ich erinnere mich gern an diese Zeit, in der wir das erste Mal gemeinsam für etwas eintraten.
    • „Schwerter zu Pflugscharen“[7] lautete der Spruch aus dem Buch Micha, den er auf einem Transparent bei sich trug und der mich ansprach und inspirierte. Ein weiteres Lebewort.
    • Es war, das weiß ich nun, bei Weitem nicht das letzte Mal, dass Heino Falcke und ich Seite an Seite standen.
    • Und ich hätte mit 26 nicht gedacht, dass wir 15 Jahre später in Erfurt wieder so intensiv zusammentreffen werden.
    • Der erwähnte Satz aus dem Grundgesetz war damals bei der Erklärung unser Leitmotiv. Er steht ganz oben an und zeigt, was die Unterzeichner*innen bis heute verbindet: Die Sorge um das gesellschaftliche Miteinander, die Bestrebung der Gerechtigkeit und ganz besonders – der politische Diskurs macht diese Betonung wichtig – dasFundamentunseres Grundgesetzes.
    • Es bleiben Gerechtigkeit, Ausgleich und Solidarität.
    • Die Worte aus dem Buch Mose kamen mir bei der Erfurter Erklärung allerdings wieder sehr stark ins Gedächtnis. Vermutlich hatte ich als Konfirmand das 1. Mal davon als Bibelwort gehört.
    • Im Arbeitskampf der Kalikumpel in Bischofferode waren für mich die Bibelworte von Ernte, Stoppeln und Eigentum in meinem Leben auf einmal wieder sehr greifbar.
    • Da zeigte sich die Bedeutung von Moses Gebot.
    • Wenngleich die Kali-Kumpel, die im Sommer 1993 in den Hungerstreik traten, nicht auf den Acker gingen, um die übergelassene Garbe zu holen, so griff doch auch hier die Frage nach dem Eigentum, seiner Nutzung und weil Kali-Dünger erst weitere Garben auf dem Feld wachsen lässt.
    • Und besonders die Debatte über das, was andere übergelassen oder besser: hinterlassen hatten.
    • Es waren die Fragen nach dem „Wie weiter?“ und vor allem nach dem „Wie gehen wir als Gesellschaft mit denen um, die schwach sind?“
    • Nicht, weil sie es sich so ausgesucht haben. Sondern weil die Unbarmherzigkeit eines auf Konsum getrimmten Systems sie dort hingebracht hat.
    • Für mich wurde bei diesem Arbeitskampf – und auch hier war ich in einem brüderlichen Austausch mit Heino Falcke – etwas wieder einmal klar, das wir so bei Mose auch finden:

    Es gibt kein Glücksversprechen durch Konsum.

    • In seinem Sammelband Das soll Dir bleiben. Texte für morgens und abends bringt Friedrich Schorlemmer – auch er zeichnete die Erfurter Erklärung – den Philosophen Erich Fromm ins Spiel und schafft damit Raum für einen denkenswerten Ansatz:

    „Unsere Konsum- und Marktwirtschaft beruht auf der Idee, dass man Glück kaufen kann, wie man alles kaufen kann.

    Und wenn man kein Geld bezahlen muss für etwas, dann kann es einen auch nicht glücklich machen. Dass Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kostet, dass Glück das ‚Billigste‘ ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen.“[8]

    Solidarität und Miteinander 

    • Was Fromm allerdings nicht erwähnt, und hier möchte ich ihn ergänzen, das ist die Rolle der Solidarität als ganz individuellen Glücksbringer.
    • Es ist meine persönliche Wahrnehmung: An der Börse entsteht keine Solidarität. Dort entsteht nur Marktlogik.
    • Aber kapitalgetriebene Marktlogik ist nicht zwingend etwas, das eine Gesellschaft zusammenhält. Solidarität ist das Einzige, was uns zusammenhält. Und Solidarität braucht immer wieder ein Fundament.
    • Auch deswegen haben wir als Christinnen und Christen eine sehr ausgeprägte Form des Miteinanders. Und das spielt bei uns eine große Rolle.
    • Es geht um die Unterstützung derer, die nicht so viel haben wie man selbst. Es geht um den sprichwörtlichen Kleidersack, der die Runde macht und zum Verteilen anregt.
    • Aber dazu muss man auch sagen: Alle abrahamitischen Religionen kennen genau dieses Prinzip.

    Gemeinsamkeit in abrahamitischen Religionen und Lutherübersetzung


    Liebe Schwestern und Brüder,

    • Nimmt man sich den Koran, so fällt einem die Sure Zuch-ruf auf. In ihr ist die notwendige gesellschaftliche Solidarität in der gegebenen Ungleichheit der Menschen begründet. Es heißt darin, dass einer dem Anderen von Nutzen sein solle. Die Rede ist von BarmherzigkeitundGemeinschaft.[9]
    • Sie sehen: Vom Christentum nicht weit entfernt!
    • Und auch das Judentum kennt diese Solidarität.
    • Meine hier vorgetragenen Lebeworte, die sich durch ihre Rolle in den 5 Büchern Mose, eben auch in der Tora finden, sind dafür nur ein Beispiel.
    • Dennoch möchte ich dieses Beispiel hier etwas vertiefen. Und damit somit noch einmal auf den heutigen Tag zu sprechen kommen.
    • Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Darauf folgte auch die Translation des Alten Testaments.
    • Er hatte sich dafür – weitestgehend autodidaktisch – das Hebräische selbst beibringen müssen. Zu jung war die Sprache im mitteleuropäischen Wissenschaftsbetrieb.
    • Eine Ausgabe des Tanach[10] [sprich mit hartem ch] und ein Psalter waren dafür seine Arbeitsmittel.[11]
    • Luther schuf damit die Grundlage einer Sprache, die bis heute vielfältig, bunt und bildreich ist.
    • Sie ist in unserem Alltag gegenwärtig – und auch Nicht-Christen kommen um ihre Benutzung nicht herum.
    • Der Bluthund, das Machtwort oder die Herzenslust entstammen ebenso seiner Arbeit am Wort wie die Momente, wenn die Frau Burghauptmann der Wartburg sich seiner bedient und in einem Gespräch für die aktuelle Ausgabe von Glaube+Heimat sagt, dass es „mit dem Teufel zugehen“ müsse, wenn das Potenzial der Burg nicht voll genutzt werden könne.[12]
    • Ihm, dem durchaus kritisch zu sehenden Reformator, haben wir es zu verdanken, dass unsere Sprache heute das ist, was sie ist. Mehr noch: Luther schuf mit einer einheitlichen Sprache die Grundlage für einen deutschen Nationalstaat und damit auch für einen Freistaat Thüringen, dessen 100. Geburtstag wir im vergangenen Jahr feiern konnten.

    Zusammenwachsen – zusammen wachsen – Bundesratspräsidentschaft und Bibelwort

    • Und damit schuf Luther, wenn wir den Faden etwas weiterspinnen, auch die Grundlage für den Vorsitz im Bundesrat, den Thüringen ab dem 1. November haben wird.
    • Unter dem Motto „Zusammenwachsen – zusammen wachsen“ – Sie sehen die enge Verbindung zum biblischen Ackerbau – werden wir von Thüringen einmal mehr zur Solidarität aufrufen, zum Miteinander und zur Gemeinsamkeit.

    Darauf freue ich mich.

    • Denn dieses Gemeinsame ist etwas, das mich persönlich antreibt. Es passt zu dem, was ich als Ministerpräsident tagtäglich erleben darf: dem Engagement und der Selbstaufopferung vieler Menschen.
    • Tausende engagieren sich in ihrer Freizeit oder ihrem Beruf für den Nächsten.
    • Damit treiben sie mich an. Damit geben sie mir Mut und Zuversicht, sind mir ein Vorbild und helfen mir ganz persönlich bei mancher Herausforderung.
    • Ich spreche von denen, die sich im Kinderhospiz Mitteldeutschland in Tambach-Dietharz engagieren, den Rotkreuzhelfer*innen und Gemeindekirchenrät*innen. Ich spreche von den Krankenschwestern und Pflegekräften, den Ärzt*innen.
    • Ich spreche ganz konkret von der Kirchengemeinde in Jena-Winzerla, die sich so wunderbar um die Familie meiner Paten-Vierlinge aus Albanien kümmert. Dass die 4 im Oktober ihren 6. Geburtstag im Kreis einer liebenden und herzlichen Gemeinschaft feiern konnten, das ist für mich das, was das Mose-Wort aussagt – in handfester Umsetzung.

    Vielzahl der Übersetzungen

    • Trotzdem möchte ich noch einmal zurück zum Ausgang. Zurück zu Luther.
    • Denn er und seine Übersetzung waren ein Kind ihrer Zeit.
    • Dass wir seit dem Reformationsjubliäum im Jahr 2017 eine überarbeitete und eben unserer Zeit angepasste Übersetzung haben, dafür bin ich sehr dankbar.
    • Und Luther war eben bei Weitem nicht der Einzige, der sich an einer Überschreibung der Heiligen Schrift versuchte.
    • Anfang des 20. Jahrhunderts schufen Martin Buber und Franz Rosenzweig ein Unikum: Sie nahmen die Tora und übersetzten sie in das – von Luther vereinheitlichte – Deutsch.

    Feinheit der Übersetzung – Besonderheit 

    • Wieso erzähle ich dies bei einer Kanzelrede zum Reformationstag? Wieso spreche ich hier, wo der Antisemit Luther – auch das gehört zur Geschichte und zur Kritik dazu – wirkte, über die Übersetzung des Alten Testaments durch zwei jüdische Intellektuelle zu Beginn des letzten Jahrhunderts?
    • Die Brücke ist simpel: Liest man das von mir ausgeführte Lebewort in der Buber-Rosenzweig-Übersetzung, so ist es fast mit dem aus der 2017er-Fassung des Luthertextes identisch.
    • Ein Wort aber, das trennt beide voneinander.
    • Steht nämlich in der Bibel, dass die Garbe dem Fremdling zufallen soll, so übersetzen Buber und Rosenzweig jenen hebräischen Begriff oreach [sprich mit hartem -ch] mit Gast.
    • der Unterschied ist fein und dennoch groß
    • Worte wie „Gastarbeiter“ klingen doch ganz anders als „Fremdarbeiter“
    • Doch das greift auch umgedreht: Machen uns nicht Fremde mehr Angst denn Gäste? Schließlich sprechen Sozialwissenschaftler*innen und Medien immer wieder von Xenophobie, der Angst vor Fremden.
    • Ist es nicht ein Unterschied, ob wir etwas für einen Fremden oder für einen Gast überlassen?
    • Und ist es nicht eine reife Leistung, wenn wir aus einem Fremden einen Gast werden lassen?
    • Unterscheiden wir also nicht in Fremde oder Gäste – denn Fremdarbeiter bedeutet doch letztendlich Zwangsarbeiter.
    • Und Gastarbeiter? Wer lässt seinen Gast eigentlich arbeiten?
    • Nein, es geht um Menschen.
    • In Erfurt wirkt ein Verein, der sich selbst „Fremde werden Freunde“ nennt.
    • Lassen wir uns also neugierig auf die Freunde ein und erklären, was unserSein ausmacht.
    • Dann erkennen wir in den Freunden auch das, was uns ausmacht und vor allem das, was uns verbindet. Das Menschsein.
    • Meine Großmutter machte dies ja irgendwie. Sie erinnern sich an ihre bibelhafte Küchenphilosophie.
    • Die Suppe, sie sollte nicht für Fremde reichen – wohl aber für Gäste. Teilen wir unsere Suppe unter den Menschen.

    ***

     

     

     


    [1] Ist wichtig, da Luther die Worte selbst nie gesagt haben soll, sie dennoch in die Geschichtsbücher eingingen.

    [2] Galater-Brief Kapitel 6, Vers 2

    [3] 2. Mose (Exodus) Kapitel 22 Vers 24

    [4] Markus Kapitel 10 Vers 25

    [5] Markus Kapitel 6 Verse 30-44

    [6] 5. Buch Mose Kapitel 32 Vers 1-6

    [7] Micha Kapitel 4 Vers 3

    [9] Vgl. Koran Sure Zuchrûf, [43:32]

    [10] auch hebr. Bibel genannt, Textkonvolut aus Tora, Prophetenbüchern und Schriften

    [11] Mackert, Christoph: Luthers Handexemplar der hebräischen Bibelausgabe von 1494 - Objektbezogene und besitzgeschichtliche Aspekte. In: Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers. S. 73f.

    [12] Braun, Paul-Philipp: „Alles andere als ein Burgfräulein“ in Mitteldeutsche Kirchenzeitung Glaube und Heimat, Nummer 44/2021. S. 13

Aktuelles

„Ich habe großen Respekt.“

„Sie schaffen es immer wieder, Johann Sebastian Bach in das Hier und Heute zu transportieren und seine Musik neu zu erfinden“, so Kulturstaatssekretärin Tina Beer zur Pressekonferenz anlässlich der Thüringer Bachwochen 2022 am 10. November in der Kaufmannskirche Erfurt.

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Staatssekretärin Tina Beer spricht bei der Pressekonferenz

„Sie werden lachen: die Bibel!“ - Bodo Ramelow im Gespräch mit drei zeitgenössischen Schriftstellern

Anlässlich der Übersetzung des neuen Testaments der Bibel durch Martin Luther vor 500 Jahren, läuft derzeit das Wartburg-Experiment auf der Wartburg in Eisenach. Jeweils einen Monat verbringen die Schriftsteller Iris Wolff, Uwe Kolbe und Senthuran Varatharajah in unmittelbarer Nähe zu Luthers…

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Ministerpräsident Bodo Ramelow im Gespräch mit drei zeitgenössischen Schriftstellern

Jubiläum 500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments | Start des touristischen Themenjahres "WELT ÜBERSETZEN"

“Ich, als evangelischer Christ, freue mich sehr, das Themenjahr am Reformationstag eröffnen zu dürfen”, sagte Ministerpräsident Bodo Ramelow anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Übersetzung des Neuen Testaments und der Eröffnung des Themenjahres 2022 „WELT ÜBERSETZEN — 1521/22 Luthers Werk“.

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Ministerpräsident Bodo Ramelow hält eine Rede bei einem Konzert in der Eisenacher Georgenkirche.

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